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Ein Überblick über unsere eingereichten Kommentare

Die DIN-Norm 77230 „Basisanalyse der finanziellen Situation von Privathaushalten“ soll zu einer objektiven Finanzberatung beitragen. Und damit für Klarheit, Transparenz und Nachvollziehbarkeit nach verbindlichem Standard sorgen. Sie löst ihren Vorläufer die DIN SPEC 77222 „Standardisierte Finanzanalyse für Privathaushalte“ ab. Anfang Juni 2018 wurde der Norm-Entwurf veröffentlicht. Er wurde in einem Zeitraum von über zwei Jahren durch ein Gremium bestehend aus rund 40 Vertretern von Banken, Versicherungen, Finanzberatungsunternehmen, Prozessentwicklern, aus der Wissenschaft und von Verbraucherseite ausgearbeitet. Bis zum 8. August 2018 konnte jeder diesen Entwurf öffentlich einsehen und kommentieren. Alle eingereichten Hinweise werden derzeit vom Norm-Ausschuss geprüft und nach Abwägung in das finale Dokument eingearbeitet. Die Norm soll dann zum Jahresende in Kraft treten.

Als langjähriger IT-Partner der Finanzdienstleistungsbranche haben wir uns intensiv mit dem Entwurf beschäftigt und im Rahmen der Einspruchsphase Kommentare eingereicht. Wir sind Befürworter der DIN-Norm, da sie viel Gutes leisten kann. Allen voran die Vergleichbarkeit der Ergebnisse bei unterschiedlichen Beratern. Umso wichtiger ist es, die Inhalte der Norm aus Verbrauchersicht, aus Sicht unserer Kunden, den Versicherungsgesellschaften, sowie aus unabhängiger Sicht eines IT-Dienstleisters kritisch zu hinterfragen. Am Ende sollten alle Seiten von einer sinnvollen DIN-Norm profitieren, die das Potenzial hat, zum führenden Standard in der Finanzanalyse zu werden.

In diesem Blogbeitrag stellen wir die wichtigsten von uns eingereichten Kritikpunkte an der DIN-Norm vor. Hier besteht aus unserer Sicht Handlungsbedarf. Wir sind gespannt, ob und welche davon schlussendlich in die finale DIN-Norm 77230 einfließen werden.

1. Umfangreiche Datenerfassung versus Customer Experience

Die im Entwurf geforderte Datenaufnahme im aktuell definierten Umfang als Grundlage jeder Analyse steht in Konflikt zur Anforderung nach anwender-  und kundenorientierten Prozessstrukturen. Es müssen zu viele Daten abgefragt werden, die für eine Ergebnisermittlung irrelevant erscheinen. Die Anforderung, dass alle relevanten Daten in einem Zug vom Berater erfasst werden müssen, konterkariert aus unserer Sicht die Anforderungen an IT-Systeme hinsichtlich Usability und UX. Der umfangreiche Fragenkatalog sollte unserer Auffassung nach vereinfacht werden, um diesen Anforderungen gerecht werden zu können. Damit steht und fällt die Akzeptanz der DIN 77230 auf dem Kundenmarkt.

2. Vereinfachte Ergebnisdarstellung beeinflusst Aussagekraft

Entgegen der umfangreichen Datenerfassung zu Beginn einer Analyse fällt das Ergebnis am Ende eher dünn aus. Generell zeichnet sich ein Kontrast zwischen einem hohem Erfassungsaufwand und teilweise stark vereinfachten und pauschalierten Ergebnisaussagen ab. Vor allem in zentralen und besonders komplexen Themengebieten, wie z. B. der Altersvorsorge, ist die Eignung der Ergebnisdaten als „Entscheidungsgrundlagen“ für eine Beratung als unbefriedigend einzuschätzen.

3. Vernachlässigung der Altersvorsorge

Auf  der Bedarfsstufe 1 (Sicherung des finanziellen Grundbedarfs) der DIN-Norm 77230 ist das Finanzthema “Risiko mangelnder Liquidität” dem Thema “Altersvorsorge” in der Relevanz vorgelagert. Dieser Punkt hat sich im Vergleich zur DIN SPEC 77222 geändert, was aus unserer Sicht nicht sinnvoll erscheint. Wir sehen die Altersvorsorge weiterhin an höherer Stelle. Denn es besteht die Gefahr, dass Kunden, denen keine oder eine geringe Versorgung im Ruhestand in Aussicht steht, die Altersvorsorge als vernachlässigbares Thema mit nachrangiger Wichtigkeit vermittelt wird. Hingegen ist ein kurzfristiger Liquiditätsengpass im Sinne einer langfristigen Betrachtung leichter zu korrigieren, als keine oder eine zu geringe Altersvorsorge für einen lebenswerten Ruhestand.

4. Ungeeignete Systematik zur Bedarfswertermittlung

Die Systematik zur Ermittlung des Sollwerts im Themengebiet Altersvorsorge sowie des Istwertes bestehender Absicherungen mit Hilfe von Brutto-Werten ist aus unserer Sicht ungeeignet. Die Bedarfswertermittlung anhand von Brutto-Werten widerspricht dem methodischen Ansatz der „Netto-Analyse“. So wird laut Norm-Entwurf aus dem Nettoerwerbseinkommen mittels pauschalierter Faktoren ein geschätzter Brutto-Wert ermittelt, der als Bedarfswert dienen soll. Gesetzliche Vorgaben zur Versteuerung und Verbeitragung von Leistungen aus Sicherungssystemen, privater wie auch gesetzlicher oder betrieblicher Natur, werden hier völlig außer acht gelassen. Diese Betrachtungsweise ist eindeutig zu stark vereinfachend und wird den Ansprüchen an eine ganzheitliche Analyse nicht gerecht. Die gesamte Systematik wird in dieser Form unserer Meinung nach erheblichen Akzeptanzproblemen bei Vermittlern und Endkunden gegenüberstehen.

5. Forderung zur Angabe von Nettowerten bei den verschiedenen Einkommensarten

Steuer- und Sozialversicherungsabgaben können nur einzeln bekannt sein, sofern der Kunde über eine einzige Einkommensart verfügt. Verfügt der Kunde hingegen über mehrere Einkommensarten, ist anzunehmen, dass die Nettobezugswerte dem Kunden nur in Ausnahmefällen bekannt und zugänglich sind. Handelt es sich um mehrere Einkunftsarten, sind Unterschiede in Steuerveranlagung und Verbeitragung zu berücksichtigen.

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